Wenn KI frei erfindet, geht Vertrauen verloren
Was du schreibst, muss stimmen…

Das begreifst du nirgends so schnell wie im Lokaljournalismus. Als angehender Reporter vor Ort bekommst du nicht nur aufgebrachte E-Mails, wenn du in einem Bericht geschlampt hast. Deine Leser:innen stehen am Erscheinungstag auch gern mal persönlich vor dir.
Solche Begegnungen hatte ich zum Glück nicht oft. Lange her. Aber die Lektion, die ich durch sie gelernt habe, werde ich nie vergessen. Sie gilt heute mehr als jemals zuvor.
Vorausgesetzt, ich kann eine vage Idee halbwegs mit Worten umreißen, macht mir die KI meiner Wahl daraus in Sekunden einen perfekt formulierten Text. Das ist beeindruckend, manchmal beängstigend und, seien wir ehrlich, sehr verlockend, weil Budgets und Deadlines ja praktisch immer und überall knapp sind.
Außerdem, bleiben wir ehrlich, fühlt es sich richtig gut, diese neue „Maschine“ im Griff zu haben und sie mit meinen Prompts dazu zu bringen, das zu tun, was ich von ihr will. So ist die menschliche Psyche nun mal. Die unsichtbaren KI-Systemprompts sind längst darauf abgestimmt. Sie beherrschen das kleine Einmaleins der positiven Verstärkung virtuos: Sei freundlich und einfühlsam. Lobe und motiviere. Mach neugierig und belohne.
Auseinanderzuhalten, ob etwas, das so intelligent erscheint, auch wirklich Intelligenz besitzt (Spoiler: nein), wird dadurch immer schwieriger. Kritische Distanz geht verloren. Was sich so großartig liest und so zuvorkommend präsentiert wird, kann ja wohl nicht falsch, veraltet oder frei erfunden sein. Doch, kann es.
Fallen mir solche Textpassagen nicht auf, oder suche ich gar nicht erst danach, weil mir die KI so viel Honig ums Maul geschmiert hat, verspiele ich leichtfertig die mit Abstand wichtigste Ressource für meine redaktionelle Arbeit: Vertrauen.
Als Agentur für Healthcare-Marketing arbeiten wir durchweg mit Kund:innen und Zielgruppen zusammen, die sich selbst verdammt gut mit Gesundheit auskennen. Jede medizinische Ungenauigkeit, die wir der KI durchgehen lassen, sorgt bei ihnen (zu Recht) für Unmut. Und jedes Mal, wenn das passiert, geht ein Stück Vertrauen verloren. Weil ich der KI zu sehr vertraut habe.
Ein paar ruhige Minuten von der Zeit, die Medical Writer beim Texten dank KI heute sparen, sollte daher immer und ausnahmslos dafür genutzt werden, KI-generierte Inhalte auf Herz und Nieren zu prüfen. Ja, das kann etwas dauern. Am Ende wird aber immer reichlich Zeit für weitere kreative Ideen übrigbleiben. Und der Wert dieser vertrauensbildenden Maßnahme ist ohnehin unbezahlbar.
Es gibt keinen Grund, sich als Medical Writer von KI einschüchtern zu lassen. Ja, sie ist ein enorm mächtiges Werkzeug, besitzt aber keinen gesunden Menschenverstand. Sie kennt Fakten, aber nicht meine Kund:innen. Sie kann texten, aber keine persönlichen Gespräche führen. Sie lässt es in ihren Antworten menscheln, aber das Zwischenmenschliche fehlt.
Manchmal, ganz selten, stelle ich mir vor, dass unsere Bürotür aufgerissen wird, jemand auf mich zu stürmt, meinen KI-generierten Text auf den Tisch knallt und fragt: „Ist Ihnen eigentlich klar, was Sie damit angerichtet haben?!“ So wie damals, in der Lokalredaktion, ohne KI. Sie wird noch vieles umwälzen. Aber diese eine einfache Wahrheit wird bleiben: Was du schreibst, muss stimmen.
„Von der Zeit, die KI beim Texten einspart, sollten immer ein paar Minuten dafür genutzt werden, KI-generierten Healthcare-Content auf Herz und Nieren zu prüfen.“



